LandesJugendOrchester Nordrhein-Westfalen

Das Landesjugendorchester NRW (LJO) ist ein vom Land NRW gefördertes Projekt, das junge Musikerinnen und Musiker im Alter vom 14 bis 24 Jahren zusammenführt. Seit über 40 Jahren haben die jungen Instrumentalisten im LJO die Möglichkeit, die großen Werke sinfonischer Literatur kennen zu lernen, sich aber auch auf dem Gebiet der Kammermusik weiterzuentwickeln.

Das LJO NRW versteht sich als Anschlussförderung des Wettbewerbs „Jugend Musiziert“ und als Ergänzung zum Angebot an Musikschulen. Es ist ein Auswahlorchester, dem die besten jugendlichen Instrumentalisten aus ganz NRW angehören. Die etwa 100 Mitglieder haben sich durch ein Probespiel vor einer Jury oder durch hervorragende Platzierungen beim Wettbewerb „Jugend Musiziert“ qualifiziert.

Sie kommen zwei- bis dreimal im Jahr während der Schulferien zu intensiven Proben zusammen, um ein anspruchsvolles Konzertprogramm zu erarbeiten. Unterstützt werden sie dabei von Dozenten namhafter Orchester, vor allem des WDR-Sinfonieorchesters. Die Probenphasen schließen immer mit Konzerten in NRW, CD-Produktionen oder Konzertreisen ins Ausland.

Begeisternde Spielfreude gepaart mit hohem künstlerischen Anspruch und technischen Niveau zeichnen die Konzerte des LJO NRW aus. Für viele der jungen Musikerinnen und Musiker ist das LJO auch eine wichtige Vorbereitung auf das Musikstudium und wirkt sich prägend für den weiteren Lebensweg aus.

Es besteht eine Patenschaft mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln.

Auch namhafte Dirigenten äußern sich über die Zusammenarbeit mit dem Orchester begeistert:

Das Landesjugendorchester NRW ist eine besondere Institution. Eine Gemeinschaft, wo gleichgesinnte junge Menschen ihre Liebe zu Musik auf intensivste Weise miteinander leben und erleben können. Ein Ort, wo instrumentale Fähigkeiten auf extremer Weise gefordert und gefördert werden. Ein Ort, wo die persönliche, menschliche Bedeutung von Kultur sich in der Gesellschaft tatsächlich und tatkräftig wiederspiegelt. Die Ergebnisse sind Probenwochen von erstaunlicher Intensität, und Aufführungen geprägt von überbordender, glühender Leidenschaft.

Thomas Wise
Oper Bonn

The Choir of the Oratoire du Louvre (Paris) feels itself to have been very fortunate in its collaboration with the LJO and the JKPh NRW: outstanding, sensitive, understanding playing in many different types of repertoire: Brahms, Schubert, Bach, Mendelssohn, Poulenc, Haydn - the list is impressive, as are the responsiveness and adaptability of these young musicians. Our concerts together, in Paris and in the cathedrals of Senlis and Chartres, have been unforgettable experiences which we hope will repeat themselves often in the coming years. Our conductor, Nicholas Burton-Page, has had much to do with French youth orchestra training, as teacher in a National Conservatory and founder of the first 'Ecole d'Orchestre' in a French lycée, and is always particularly happy to work with these two excellent groups!

Nicholas Burton-Page
Choeur d l'Oratoire du Louvre Paris

Aus den Kreisen der Musiker berichtet der Violinist und Bratschist Martin Jahnke:

Ein Sonntag im Oktober 1997. Arbeitsphase Nr. 102. Ein Geiger ist abgesprungen, ich darf als Kandidat von der Warteliste einspringen. Der Vormittag: Crashkurs zur Vorbereitung des Programms mit meinem Geigenlehrer, anschließend Abfahrt nach Nottuln (nie gehört). Das letzte Rundschreiben habe ich schnell per Fax bekommen, viele, viele Informationen stehen da. Konzertkleidung wird verlangt: Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Schuhe und Fliege… Mit dem wissen Hemd kann ich dienen und eine schwarze Hose gibt es. Die Schuhe meines Vaters, eine alte, etwas sehr schlaffe Fliege meines Lehrers… und ein dunkelblauer Pulli.

Ich bin 14 Jahre alt, spiele seit zwei Jahren in einem kleinen Hobbyorchester und habe auch schon ein paar Mal in der Schule bei Konzerten gespielt. Also: ich habe Orchestererfahrung, kann ganz gut Geige spielen und mit 14 passe ich ja genau in die angegebene Altersgruppe des LJO (14-22). Jugend musiziert? Nee, das habe ich noch nicht mitgemacht, aber warum auch…Abends in Nottuln (eine äußerlich absolut hässliche Jugendherberge, aber eine schöne Schule gegenüber).

Eine wildfremde, kurzhaarige Frau stellt sich als Rita vor und bietet mir an, mit allen Problemen zu ihr kommen zu können. Ich soll einer wildfremden Frau mein Herz ausschütten? Dass ich mich gerade total überrollt fühle, Angst habe vor all dem Neuen, vor Herbstferien in einem riesigen Haufen weitgehend unbekannter, vor allem älterer Jugendlicher (diese Kategorie Mensch kenne ich ja zu Genüge aus dem Schulbus)? Naja, auch 2 ½ Wochen gehen vorbei.

1. Probe: Tschaikowski, 4. Sinfonie, Finale. Dirigent: Welisar Gentscheff. Es gibt kein langes Palaver, keinen gemütlichen Einstieg im langsamen Tempo: eine Begrüßung, ein Einsatz und einen 14jährigen Geiger, der ihn verpasst. Das Orchester tost um mich, laut, erbarmungslos wie ein aufgewühlter Ozean und ich versuche schwimmen zu lernen. Von Minute zu Minute weicht die Panik einem Überwältigtsein, dem Wunsch, Teil dieses brausenden Ozeans zu werden. Nein! Orchestererfahrung hatte ich definitiv nicht, und mein Geigenspiel mag vielleicht nicht übel gewesen sein, aber hier tauchen Dinge auf, die weder musikalisch noch technisch jemals Bestandteil eines Geigenunterrichts waren.

In den folgenden zehn Jahren konnte ich geigend und bratschend vieles verstehen lernen, was im Orchester passiert und was das Spiel im Landesjugendorchester bedeutet. Aus der heutigen Perspektive, mit abgeschlossenem Studium und dem Blick als Mitarbeiter auf das Orchester ist mir klar geworden, dass ich mit so manchen Verständnisfragen nie allein war. Das LJO bietet den meisten die erste echte Orchestererfahrung, die bedeutet, sich auf alles einzulassen, sich dem Orchester unter höchster Konzentration hinzugeben und sein Bestes zu geben im Sinne des Ganzen für die Musik.

Das Orchester ist keine Arena für Stars und virtuos zu fiedeln findet keine Anerkennung. Und Musik ist eine echte Herausforderung: nicht eine werktreue Aufführung hinzubekommen im Sinne eines detaillierten Umsetzens des Notentextes oder eine historischen Aufführungspraxis ist das Anspruchsvolle, sondern die emotionale Bewältigung des Materials, die schließlich ein inneres Verständnis der Musik erfordert. Gerade der Abwechslungsreichtum im Programm und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Dirigentenpersönlichkeiten machen das LJO in meinen Augen zu einer der wertvollsten Schulen musikalischer Bildung. Doch warum gerade das Orchester, gilt doch die Kammermusik als die höchste Ausdrucksform musikalischer Kunst?

Im Sinfonieorchester fördert allein die Klanggewalt des Apparats die Hingabe an die Musik, was mit einer emotionalen Öffnung einhergeht. Manchem mag dies wie ein Entblößen vorkommen, ein vollkommenes Sich-Preisgeben, was nicht immer leicht zu ertragen ist. Doch hierdurch kann eine musikalische Persönlichkeit wachsen und die Bereitschaft, sich tiefer in die Musik zu geben.

In der Kammermusik ist es bis zu einem gewissen Niveau vielleicht vergleichsweise einfach, Distanz zu wahren, sich nicht mit der emotionalen Macht der Musik auseinandersetzen zu müssen und auch im Orchester mag es vom Dirigenten abhängen. Aber für das wirkliche musikalische Verständnis reicht nicht allein die Kenntnis eines harmonischen Gefüges.

Rückblickend stelle ich fest, dass die Zeit im LJO in manchen Teilen meines weiteren Lebensweges bestimmend war, indem ich Entscheidungen getroffen habe, die ich sonst sicher nie getroffen hätte. Ich hätte kein Musikstudium begonnen, nicht angefangen, Bratsche zu spielen und sicher immer nur den Zugang des Liebhabers zur Musik gehabt, der die Gewalt von Musik nie erfahren hat. So erweist sich meine Zeit im Orchester als prägend für mein Erwachsenwerden und ich wünsche allen, die die Gelegenheit haben, in diesem Orchester mitzuspielen, dass sie bereit sind, sich auf das Abenteuer einzulassen und so vieles mitzunehmen auf ihren Lebensweg, was auch immer ihr Ziel sein mag!"

Martin Jahnke

 

Die Reisen des LJO:

Jugendorchester und ferne Reisen – das gehört seit vielen Jahrzehnten zusammen. Junge Leute sind aufgeschlossen und interessieren sich für die Welt. Den eigenen Horizont zu erweitern, ist ein wichtiger Antrieb, warum sich Jugendliche immer wieder aufmachen und mit Sack und Pack unterwegs sind. Es ist ein ureigener menschlicher Wunsch, Neues zu sehen, immer größere Kreise zu ziehen und sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Vieles muss man mit eigenen Augen gesehen und erlebt haben, um es begreifen zu können. Und dieser Wunsch ist bei Jugendlichen, die an der Schwelle zum jungen Erwachsenenalter stehen, besonders stark.

Betrachtet man die Ziele und Länder, in die junge Deutsche in der überwiegenden Mehrzahl verreisen, bemerkt man schnell, dass neben den Fernreisezielen USA, Australien (und vielleicht noch Kanada und Neuseeland) vor allem westliche europäische Länder im Blick sind. Kein Wunder, schließlich gehen die allermeisten Familienurlaube mit den Eltern in unsere Nachbarländer oder die südlichen Mittelmeerländer. Auch Klassen- und Stufenfahrten haben diese Länder zum Ziel. Österreich, Schweiz, Holland, oder Belgien – diese Nachbarn von uns sind keine Unbekannte. Sprachreisen führen oft nach England oder Frankreich. Und die Sonnenanbeter reihen sich in die sommerliche Karawane nach Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland ein. Das Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen hat schon immer besondere Ziele ausgewählt. Waren es in den ersten Jahren beispielsweise Orchesterprojekte und Jugendbegegnungen in Frankreich, die vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt wurden, so haben sich die Ziele seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der Neunziger Jahre um östliche Facetten erweitert. Nach dem deutsch-französischen Vorbild wurde in Deutschland recht bald ein Jugendwerk gegründet, das junge Deutsche und Polen in internationalen Begegnungen zusammenbringt.

Das LJO erkundet seit dieser Zeit systematisch zahlreiche Länder des ehemaligen Ostblocks. Konzertreisen und Jugendbegegnungen führten und führen in die baltische Staaten, nach Polen, Tschechien, Ungarn, Kroatien und weitere Länder des Balkans. Hier ergeben sich Kontakte mit jungen einheimischen Musikern, man bekommt in Gastfamilien typische Sitten und Bräuche mit und lernt auf solchen Reisen Land und Leute im Osten Europas kennen. Diese seltenen Eindrücke sind wertvoll und fördern das gegenseitige Verständnis von Ost und West. Ich frage mich: Wer wäre schon von alleine zu solch einer Reise aufgebrochen? - Sicher die allerwenigsten. Daher ist das, was das Landesjugendorchester NRW seit seiner Gründung bis heute zielstrebig mit seinen ambitionierten Auslandsreisen verfolgt, Jugendbildung par excellence. Und das mit einem der schönsten Mittel, das uns zur Verfügung steht. Dem Medium der Musik.

Alexander Beer

Orchestermitglied in den 90er Jahren,
heute Dirigent und Musikpädagoge in Stuttgart,
zuletzt Assistent von Prof. Buchberger, LJO-Herbsttournee 2009